
… das Hessen mit der weithin berühmten „Mathildenhöhe“ in Darmstadt ein einzigartiges Ensemble der Bau- und Kunstgeschichte des Jugendstiles besitzt? Dessen Darmstädter Geburtsstunde war die Gründung einer Künstlerkolonie durch Großherzog Ernst Ludwig Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die bildenden Künste und das Kunstgewerbe erhielten eine zentrale Rolle in der Kulturpolitik dieses herrschaftlichen Mäzens für die Bürger seines kleinen Landes.
Zuvor war bereits 1830auf der Anhöhe nur wenige hundert Meter östlich des Stadtschlosses eine der Erbprinzessin Mathilde gewidmete Parkanlage geschaffen worden. Und der russische Zar Nikolaus II. und die Zarin Alexandra, eine Prinzessin von Hessen-Darmstadt, ließen sich 1897-99 durch den Petersburger Architekten Louis Benois eine Kapelle errichten. Der prachtvolle und kostbar ausgestattete Bau ist noch dem Historismus verpflichtet, aber schon ein Vorbote des Jugendstiles. Obwohl die Russische Kapelle in keinem inhaltlichen Kontext zur Künstlerkolonie steht, prägt sie mit ihren drei vergoldeten Kuppeln und dem farbigen Mosaikschmuck bis heute wesentlich deren Erscheinungsbild.
Nach Besuchen in England bemühte Großherzog Ernst Ludwig sich um die Verbreitung des Jugendstils in Deutschland. Er berief sieben junge Künstler nach Darmstadt und gründete die Künstlerkolonie Mathildenhöhe mit der Absicht, Handwerk und kunstgewerbliche Industrie des Großherzogtums gestalterisch zu fördern und national und international konkurrenzfähig zu machen. Großes Augenmerk wurde auf die Architektur und die Innendekoration gelegt. Nach Alexander Koch, der einigen Einfluss auf die Aufnahme und Durchsetzung kunstreformerischer Gedanken hatte, sollte eine Verbindung zwischen "Kunst und Leben, Künstler und Volk" entstehen.
Zwischen 1900 und 1914 entstanden für drei große Kunstausstellungen mehrere hervorragende, symbolhafte Großbauten und zahlreiche Künstler- und Bürgerhäuser. Die meisten schuf der geniale Joseph Maria Olbrich, von 1900 bis 1908 Leiter der Künstlerkolonie.
Von Westen her beherrscht der Hochzeitsturm mit seiner originellen Fünf-Finger-Krone das Bild. Er war ein Geschenk der Stadt an den Großherzog zu dessen Vermählung. Die allerdings war ein großer Skandal, denn bei seiner Heirat mit Eleonore Solms-Hohensolms-Lich heiratete, lebte seine erste Frau noch. Selbst Kaiser Wilhelm konnte den Großherzog nicht umstimmen.
Noch im Jahr der Heirat begann Olbrich mit seinen Plänen für das Bauwerk, das nach mehreren alternativen Entwürfen seine heutige Gestalt erhielt. Der 1908 fertig gestellte Turm hat eine Höhe von 48, 5 Metern. Er ist in drei Abschnitte gegliedert: Den grau verputzten Sockel mit dem Eingangsportal, den geschlossenen, mit dunkelroten Klinkern verkleidete Turmkörper und die in Kupferblech und violetten Verblendsteinen ausgeführte Krone mit 5 Zinnen. Formvorbilder fand Olbrich in den Staffelgiebeln gotischer Backsteinbauten in Nord- und Ostdeutschland. Gestaltung und Materialbehandlung des Darmstädter Hochzeitsturmes verweisen jedoch in die Moderne, vor allem in die Architektur des Expressionismus.
Das Innere des Turmes ist in sieben Ebenen unterschiedlicher Höhe und Nutzung gegliedert.
Die Eingangshalle schmücken seit 1914 zwei prachtvolle Mosaikbilder nach Entwürfen von Friedrich Wilhelm Kleukens. Sie zeigen – als Sinnbilder der Liebe und des Glücks - ein sich küssendes Paar sowie eine Glücksgöttin mit Füllhörnern voll Rosen.
In den Ebenen 4 und 5 befinden sich das “Zimmer des Großherzogs” und das “Zimmer der Großherzogin” – ursprünglich Repräsentationsräume, heute Nebenstelle des Darmstädter Standesamtes. Die ornamentale Ausschmückung des Tonnengewölbes sowie die allegorische Darstellung der vorwärts stürmenden Neuzeit an der Stirnseite im “Zimmer des Großherzogs” schuf der Maler Fritz Hegenbarth.
Das “Zimmer der Großherzogin”, auch “Hochzeitszimmer” genannt, wurde von dem Maler Philipp Otto Schäfer mit einem Fries dekoriert, der im Stil der italienischen Renaissance ein Hochzeitsfest abbildet. Die Treppenanlage und der nachträglich eingebaute Aufzug enden in der Aussichtsplattform, die eine Fernsicht in alle Himmelsrichtungen bietet.
Daneben erinnert das umfangreiche Gebäude der Ausstellungshalle an monumentale Grabbauten der Antike. Nach Süden wendet sich das Ateliergebäude oder „Ernst-Ludwig-Haus“. Sein monumentales Figurenportal gemahnt die Künstler zur Schaffung großer und bleibender Werke in diesem „Tempel der Arbeit“.
"Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst!" lauteten anlässlich der feierlichen Grundsteinlegung des Ernst-Ludwig-Hauses am 24. März 1900 die programmatischen Worte des Großherzogs. Das nach seinem fürstlichen Mäzen benannte Gebäude wurde als Atelierhaus der Künstlerkolonie mit repräsentativer Empfangshalle errichtet und zur ersten Ausstellung 1901 fertig. 1904 wurden dem Hauptbau durch Olbrich die sogenannten Bildhauerateliers auf der Nordseite angefügt.
Schmuckreicher Höhepunkt des Ernst-Ludwig-Hauses ist das omegaförmige Mittelportal auf der Südseite, dessen monumentale Skulpturen "Mann" und "Weib" sowie die vergoldete Pflanzenornamentik in starkem Gegensatz zur sonstigen äußeren Schlichtheit steht.
Streng vor die oben erwähnte Russische Kapelle legte Albin Müller sein großartiges Wasserlilien-Becken (1914), wie vieles hier eine vollendete Synthese aus Antike und neuer Form. Ein anderer „Ort der Stille“ ist daneben der Platanenhain mit den Bildwerken Bernhard Hoetgers, von dem auch die Plastiken auf der Ausstellungsterrasse stammen. Von den erhaltenen oder rekonstruierten Wohnhäusern der Künstler-Architekten sind vor allem das Haus von Peter Behrens, die beiden Glückert-Häuser sowie das Haus Deiters beachtlich.
Die Mathildenhöhe ist seit dem II. Weltkrieg und bis heute ein wichtiges Thema der Denkmalpflege, der Konservierung und der sinnvollen Rekonstruktion. Das historische Erbe der Darmstädter Mathildenhöhe präsentiert sich heute als ein einzigartiges Gesamtkunstwerk aus Hochzeitsturm, Ausstellungsgebäude, Museum Künstlerkolonie, Künstlerhäusern, Platanenhain und Freigelände.
Die dort begründete Tradition und die Entwicklung zu einem herausragenden Ort der Kunst und des Designs setzte sich auch nach 1945 fort. Namhafte internationale Institute haben seit Jahrzehnten auf Darmstadts Mathildenhöhe ihren Sitz in historischen Gebäuden. Sie setzen von hier aus aktuelle Akzente in vielen Bereichen der Kunst und Kultur.
Der ausführlichen Darstellung der Mathildenhöhe ist eine sehr informative und schön gestaltete Webseite gewidmet, die auch interaktive Elemente beinhaltet. Wir wollen sie dem interessierten Leser zur weiteren Beschäftigung – und zur Planung eines Ausfluges auf die Mathildenhöhe - ausdrücklich empfehlen. Deshalb ist auch ein Anfahrtsplan ist als PDF-Datei angefügt.
Zur Webseite der Mathildenhöhe .
Auch in Wikipedia finden sich interessante und ergänzende Detailhinweise zur Künstlerkolonie .
Quellen: Stadt Darmstadt, HMWK
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