Bildende Kunst

Große Retrospektive László Moholy-Nagy in der Schirn

Anlässlich des Bauhausjubiläums zeigt die Schirn vom 8. Oktober 09 bis zum 7. Februar 10 eine umfangreiche Retrospektive des ungarischen Künstlers László Moholy-Nagy.

25.09.09

Der ungarische Künstler László Moholy-Nagy (1895–1946) wurde in Deutschland durch seine prägende Arbeit als Lehrer am Staatlichen Bauhaus in Weimar und Dessau (1923–1928) bekannt. Seine zukunftsweisenden Theorien über die Kunst als Versuchsfeld für neue Ausdrucksformen und deren Anwendung auf alle Bereiche des modernen Lebens wirken bis in die Gegenwart hinein. Die Retrospektive der Schirn Kunsthalle präsentiert anhand von etwa 170 Werken – Gemälden, Fotografien und Fotogrammen, Skulpturen und Filmen sowie Bühnenbildentwürfen und Typografien – alle Werkphasen. Anlässlich des 90-jährigen Jubiläums der Gründung des Bauhauses führt sie damit erstmals seit der letzten großen Ausstellung in Kassel 1991 die enorme künstlerische Bandbreite Moholy-Nagys vor Augen. Im Rahmen der Ausstellung wird auch das bis 2009 unverwirklichte, viele Theorien des Künstlers zusammenfassende Raumkunstwerk „Raum der Gegenwart“ realisiert.

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Kein anderer Lehrer am Weimarer und Dessauer Bauhaus, aber auch kaum ein anderer Künstler der an utopischen Entwürfen reichen Epoche der 1920er-Jahre in Deutschland weist ein so breites Spektrum an Ideen und Aktivitäten auf wie der 1895 in Bácsborsód (Südungarn) geborene László Moholy-Nagy. In seinem Werk stehen Malerei und Film, Fotografie und Skulptur, Bühnenbildentwurf, Zeichnung und Fotogramm gleichwertig nebeneinander und treten kontinuierlich immer wieder auf. Sie werden abwechselnd eingesetzt, variiert und als Teile eines universellen Gesamtkonzepts wieder aufgegriffen, dessen roter Faden der wache, neugierige und unbändig experimentelle Geist des „Multimedia“-Künstlers Moholy-Nagy ist. Lange bevor von „Mediendesign“ und professionellem „Marketing“ gesprochen wurde, arbeitete Moholy-Nagy auch in diesen Bereichen als Vordenker neuer technischer, gestalterischer und didaktischer Instrumente. „Alle Gestaltungsgebiete des Lebens sind eng miteinander verknüpft“, schrieb er um 1925 und war trotz seines Mottos „Kunst und Technik – eine Einheit“ kein unkritischer Verehrer des Maschinenzeitalters, sondern eher ein der Technik offen und aufgeschlossen gegenüberstehender Humanist. Steigerung der Lebensqualität, Vermeidung von Spezialistentum, Wissenschaft und Technik als Bereicherung und Vertiefung menschlicher Erfahrungen – so ließe sich seine künstlerische Grundhaltung zusammenfassen, die exemplarisch für das idealistische und utopische Denken einer ganzen Epoche steht.

Im Frühjahr 1923 wurde Moholy-Nagy von Walter Gropius als Bauhaus- Meister nach Weimar berufen. Als Leiter von Vorkurs und Metallwerkstatt prägte er maßgeblich die konstruktivistische und gesellschaftliche Neuorientierung des Bauhauses. Die Verzahnung von Kunst, Leben und Technik sowie die Betonung des Visuellen und der Materialaspekte in der Gestaltung waren Kernpunkte seiner Arbeit und führten zu einer modernen, technikorientierten Formensprache. So aktuell wie seine künstlerische Arbeit wirken bis heute auch seine pädagogischen Ansätze als Bauhaus-Lehrer, die eine Erziehung zum künstlerischpolitischen Menschen und zur Kreativität in den Mittelpunkt stellten:

Neue Wege beschritt Moholy-Nagy auch mit dem berühmten, vom Künstler als „Apparat zur Demonstration von Licht- und Bewegungserscheinungen“ konzipierten „Licht- Raum-Modulator“ von 1930, einem Gesamtkunstwerk aus Farbe, Licht und Bewegung. Im Bereich der Fotografie und des Films betrat Moholy-Nagy ebenfalls Neuland: Mit seiner kameralosen Fotografie, seinen Fotogrammen und schließlich seinen abstrakten Filmen wie „Lichtspiel Schwarz-Weiß-Grau“ (1930) gilt er bis heute als einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts und Vordenker heutiger Medientheorien.

Moholy- Nagy gestaltete als Bauhaus-Lehrer für Typografie nahezu alle der 14 zwischen 1925 und 1929 erschienenen Bauhaus-Bücher und übernahm – neben der gemeinsamen Herausgeberschaft mit Walter Gropius – die inhaltliche und organisatorische Produktion der Publikationen.

Nachdem er 1928 das Bauhaus verlassen hatte, gründete Moholy-Nagy in Berlin ein eigenes Atelier und entwickelte Werbegrafiken unter anderem für die von Wilhelm Wagenfeld geschaffenen Entwürfe der Jenaer Glaswerke. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten emigrierte Moholy-Nagy über Amsterdam und Großbritannien nach Amerika und gründete 1937 das „New Bauhaus“ und nach dessen Schließung 1939 die wenige Jahre später in Institute of Design umbenannte School of Design in Chicago, wo er sich weiter für die Integration von Kunst, Wissenschaft und Technologie einsetzte. Am 24. November 1946 starb Moholy-Nagy in Chicago an Leukämie.

Die Ausstellung in der Schirn wird durch den bis 2009 unverwirklichten „Raum der Gegenwart“ ergänzt, der eine prägnante Zusammenfassung von Moholy-Nagys Werk darstellt. Die Entwürfe für dieses viele Theorien des Künstlers vereinende Environment gehen bereits auf das Jahr 1930 zurück und werden nun anlässlich des Bauhaus-Jubiläums 2009 in der Schirn realisiert.

Retrospektive Des Ungarischen Künstlers
László Moholy-Nagy

8. Oktober 2009 – 7. Februar 2010



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