
Was wäre London ohne die Themse, Paris ohne die Seine, Berlin ohne die Spree? Auch in Frankfurt ist der Main seit jeher so etwas wie die Lebensader der Stadt. Vom neu angelegten Tiefkai unterhalb der Uni-Klinik bis zur Gerbermühle, vom futuristisch-urbanen Westhafen-Quartier bis zur EZB-Baustelle an der alten Großmarkthalle durchzieht heute ein grünes Uferband die Frankfurter Innenstadt, das Tag für Tag tausende Jogger, Scater und Flaneure anzieht.
Doch was dem Frankfurter Mainufer einen wahrhaft einzigartigen Charakter verleiht, ist das in den 1980er Jahren vom damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann energisch vorangetriebene Projekt Museumsufer. Richard Meiers weltweit beachteter, an die klassizistische Villa Metzler anknüpfender Neubau des Museums für Angewandte Kunst (1985), das 1984 von Oswald Matthias Ungers im Gewand einer bestehenden historischen Villa errichtete Deutsche Architekturmuseum oder Gustav Peichls 1991 eröffneter Städel-Anbau gehören zu den Glanzpunkten dieser Museumsmeile. Weiterhin bietet das Sachsenhäuser Ufer das Ikonen-Museum, das Museum der Weltkulturen, das Deutsche Filmmuseum, das Museum für Kommunikation , das Liebieghaus als Museum für alte Plastik und das Haus Giersch als Museum regionaler Kunst.
Auf der nördlichen Mainseite schließen sich das Jüdische Museum, das Museum für Vor- und Frühgeschichte und das Historische Museum an. Nur wenige Schritte weiter wartet die Schirn Kunsthalle immer wieder mit international beachteten Sonderausstellungen auf; direkt gegenüber im Steinernen Haus der Frankfurter Kunstverein und ebenfalls nur wenige Meter entfernt das Leinwandhaus mit dem Museum für Komische Kunst].
Direkt hinter diesem dichten Kunstensemble in unmittelbarer Nähe des Frankfurter Römers schließt sich die neuerdings als Kulturmeile vermarktete Braubachstraße] an, die, wenn auch etwa hundert Meter vom Fluss zurückgesetzt, als Fortführung des Museumsufers betrachtet werden kann. Flankiert von zahlreichen Galerien führt der Weg zu einem weiteren Höhepunkt der Frankfurter Kulturszene, dem Museum für Moderne Kunst , in einem markanten Bau von Hans Hollein (fertig gestellt 1991). Zwischen der Spitze des liebevoll auch als „Tortenstück“ bezeichneten Baus und dem Mainufer nimmt in der Fahrgasse die Dichte der Galerien für Gegenwartskunst noch einmal zu. Der Kreis schließt sich bei einer erneuten Überquerung des Mains auf der Alten Brücke, mit einem auffälligen Spitzgiebelhaus in der Flussmitte auf der Maininsel, dem 2006 von Christoph Mäckler fertig gestellten neuen Portikus , dem Schaufenster der Städelschule für Gegenwartskunst.
Eine vergleichbare Vielfalt und Dichte von Kunstinstituten auf engstem Raum bietet, auch international betrachtet, kaum irgendeine andere Stadt, zumal Frankfurt mit seinen 650.000 Einwohnern keine sehr große Metropole ist und sich weit eher als Luftdrehkreuz, Banken- und Messezentrum einen Namen gemacht hat denn als Kunstmekka. Alle Frankfurter Museen zusammen genommen hatten im Jahr 2005 knapp 1,9 Millionen Besucher. Diese Zahl nimmt sich neben den 7,5 Millionen Menschen, die im selben Jahr den Louvre besuchten, zunächst recht bescheiden aus. Doch in einer Stadt mittlerer Größe wie Frankfurt, die weit weniger Tourismusmagnet ist als Paris, spricht sie für ein hohes Maß an öffentlicher Akzeptanz gegenüber dem Konzept Museumsufer.
Dabei hat sich, dem allgemeinen Zeitgeist folgend, auch in Frankfurts Museen das Besucherverhalten mit den Jahren geändert. Die Kunstinstitute werden immer öfter zu temporären Bühnen für allerlei Partys, Konzerte und andere Events. Und ein erheblicher Teil der allgemeinen Besucherzahlen geht auf das Konto der einmal im Jahr stattfindenden Nacht der Museen , in der alle Häuser mit vielerlei Sonderveranstaltungen um die Gunst der Besucher werben. Noch größere Massen zieht das Museumsuferfest an, eines der größten Kulturfestivals Europas, das allerdings mindestens so sehr Döner und Salsa auf der Straße ist wie Kunst und Kunstevent im Museum.
Bilder: designmaniac@photocase , Museum für angewandte Kunst Frankfurt
Dr. Stephan v. d. Schulenburg
1978-87 Studium der Kunstgeschichte und Ostasienwissenschaften in München, Berlin, Tokyo, Kyoto und Heidelberg; 1987/88 wissenschaftliche Tätigkeit am Linden-Museum Stuttgart; seit 1990 Kurator der Asiatischen Abteilung am Museum für Angewandte Kunst Frankfurt; kuratierte zahlreiche Ausstellungen – Schwerpunkte: Ostasiatische Keramik, japanische illustrative Malerei und Holzschnittkunst, chinesische Gegenwartskunst.
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