Theater & Tanz

Wuissten Sie schon …

… dass es in Darmstadt schon seit 30 Jahren das Puppentheater „Kikeriki“ gibt, zu dessen Vorstellungen man sich lange im Voraus Karten sichern muss?

1979 wurde es von Roland Hotz gegründet und gab am 7. September 1980 seine erste öffentliche Vorstellung für Kinder. Seitdem schreibt es eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte.

20.01.10

1984 hatte das erste abendfüllende Erwachsenenprogramm Premiere. 1993 wurde nach dreizehn Jahren Wanderschaft ein eigenes kleines Theater in Darmstadt eröffnet und bereits 1996 führte eine fast explosionsartig steigende Nachfrage zur Eröffnung der „COMEDY HALL“.

Der FAZ verriet der Theatermacher jüngst Details aus der Geschichte des Theaters.

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„Wenn Roland Hotz über seinen Erfolg spricht, dann zeigt er gern ein Foto. Es stammt aus dem Jahr 1993, die Männer tragen noch Oberlippenbärte und die Frauen auffällige Dauerwellen. Zu sehen sind Menschen, die vor einem Gebäude Schlange stehen – dreißig oder fünfzig Meter lang. Sie gestikulieren, unterhalten sich. Es ist Vormittag, und das Haus, in das sie hineinwollen, wird gleich öffnen. Es ist Hotz’ Kikeriki-Theater in Darmstadt, das an jenem Tag zum ersten Mal selbst den Vorverkauf seiner Eintrittskarten übernommen hatte. Für ein halbes Jahr im Voraus konnte man sich damals Tickets sichern. Innerhalb weniger Stunden waren alle Vorstellungen ausverkauft.
„Wir dachten, uns trifft der Schlag, als wir da morgens hingekommen sind“, sagt Hotz. Er sitzt in der Werkstatt des Theaters, hat sich eine Zigarette angesteckt und pustet den Rauch in die nach Holzspänen und Klebstoff riechende Luft. 1993 gab es sein skurriles Puppenspiel-Theater schon mehrere Jahre. Von der Vorverkaufsstelle, die die Karten zuvor vertrieben hatte, habe er schon gewusst, dass die Vorstellungen immer recht schnell ausverkauft seien. Aber mit so vielen Leuten habe er trotzdem nicht gerechnet. Beim nächsten Mal brachte die Polizei Absperrgitter vor das Theater, die verhindern sollten, dass der Straßenverkehr gestört wurde.

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In dem damals benutzten Gebäude an der Bessunger Straße spielt das Kikeriki-Ensemble inzwischen schon lange nicht mehr. Drei Jahre nach Entstehen des Fotos zog das Theater in eine ehemalige Turnhalle in der Nähe und gestaltete deren Räume neu. Sie werden noch immer genutzt. Statt ehemals 100 hat der Vorstellungssaal seitdem 230 Plätze und ist trotzdem immer ausverkauft – inzwischen seit mehr als 3.500 Vorstellungen in Folge. Im vorigen Jahr hat das Kikeriki-Theater 30 Jahre Gründung gefeiert, in diesem Jahr denkt die Truppe an 30 Jahre Aufnahme des Spielbetriebs zurück. Neben den Vorstellungen für Erwachsene betreibt Hotz in der „Comedy Hall“, wie die einstige Turnhalle nun heißt, ein Kindertheater, ein Restaurant und einen Club. Aus einer kleinen Laienbühne hat der 58 Jahre alte Theaterleiter über die Jahre einen angesehenen Darmstädter Kulturbetrieb gemacht.

Die Stücke des Theaters schreibt Hotz allesamt selbst. Manche haben eine völlig neue Handlung, andere sind an klassische Stoffe angelehnt; wie der „Faust“, den er komödiantisch abgewandelt und mit südhessischem Lokalkolorit erweitert hat. Da ist sich Mephistopheles, als er der Teufelssippe in der Hölle von seinen Plänen erzählt, nicht mehr sicher, ob der Herr Doktor Faust nun aus Heppenheim, Bickenbach oder doch aus Wittenberg kommt. Und da springt „Kasper“, Fausts neuer Angestellter, über die Bühne, „babbelt“ auf Darmstädterisch und bringt den Pakt mit dem Teufel durcheinander.

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Zuschauer lautstark beschimpft

Das Kikeriki hat seinen eigenen Stil. Die Bühne sieht aus wie ein Puppentheater in Größe XXL. Diese Ausmaße sind notwendig, denn auf der Bühne agieren neben Puppen auch Schauspieler. Oft spielen szenenweise Menschen, dann sind wieder die Puppen unter sich. Skurril wird es dann, wenn Puppen und Schauspieler gemeinsam auf der Bühne sind, sich miteinander unterhalten oder gegenseitig umherscheuchen. Dazu ertönt Musik, es donnert und knallt, oder Rauch wird in den Raum geblasen.
Zu dem Spektakel gehören auch die derben Späße, das bisweilen Klamaukige und Zotenhafte. Aber das sei vom Ensemble so gewollt, sagt Hotz. „Wir sind ein Volkstheater im besten Sinne.“ Erlaubt ist, was den Leuten gefällt. Nah am Publikum sein, das ist das Erfolgsrezept des Theaters. Da werden die Zuschauer am Anfang der Vorstellung auch mal lautstark beschimpft oder plötzlich nach ihrer Meinung gefragt – Hauptsache, es tut sich was im Saal.

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Theater wie ein großer Trichter

Über mangelnden Erfolg kann Hotz nicht klagen. Noch immer sind die Karten für das Kikeriki-Theater ein halbes Jahr im Voraus ausverkauft. Und das, obwohl das Ensemble den Zeitgeist konsequent ignoriere, sagt Hotz. Es sei ihm zuwider, zwanghaft Computer, Handys oder Mobbing auf dem Schulhof einzubauen. Erwachsene und Kinder wollten nicht ihren Alltag sehen, sondern in Märchenwelten entführt und verzaubert werden.

In der Theaterwerkstatt lagern Schrauben und Bohrer in den Regalen, an großen Tischen sind Schraubzwingen befestigt. Zwischendrin stehen halbfertige Puppen. Auf einem Tisch liegt ein Stock, auf dem eine Styroporkugel befestigt ist. „Das wird die Papierprinzessin“, sagt Hotz, nimmt den Stock in die Hand und sieht die Kugel an, als blicke er in ein Gesicht. Die Prinzessin wird die Hauptperson in einem Stück für das Kindertheater. Daneben hängt ihr Schloss an einer Wäscheleine, verziert mit Torten-Untersetzern aus Papier. Improvisation zählt viel im Kikeriki. „Wenn wir durch die Welt gehen, betrachten wir Gegenstände nach zwei Gesichtspunkten: was sie sind und was sie sein könnten.“ Hotz sagt, er stelle sich das Theater manchmal wie einen großen Trichter vor. Oben gebe man handwerkliches Geschick, Zeichentalent, Bühnenpräsenz und Humor hinein, unten kämen die Vorstellungsabende heraus. „Wenn ich nur für eines davon zuständig wäre, würde ich mich langweilen.“

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[k:Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung; 13.1.2010; Autor: Til Huber "© Alle Rechte vorbehalten.
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