Wolf Schmid – der „Babba Hesselbach“

familie-hesselbalchSeichte Unterhaltung war Wolf Schmidt, dem „Kopf“ der Serie „Familie Hesselbach“, zu wenig: Die Widersprüchlichkeit der Menschen war Kernmotiv seiner Stücke. Damit hielt er dem Volk fast 20 Jahre lang den Spiegel vor. Vor 35 Jahren, im Januar 1977, starb "Babba Hesselbach".

Von dieser eingebildeten und eigentlich unehrlichen Aufrichtigkeit, die die meisten Menschen für sich reklamieren, nahm sich Wolf Schmidt nicht aus. Im Hesselbach-Hörspiel "Gefährliche Kurve" vom 3. Januar 1954, in dem er von einem Unfall und seiner anschließenden Beerdigung träumt, bezeichnete er, der nach außen selbstlose, aufrechte und anständige Mensch, sich im Traum als "schlimmen Egoist, wie andere auch", der vor sich selbst getan habe, als wüsste er es nicht besser.

Mechanismen von Wissen und Verdrängen

Solche Selbstbetrachtungen des Babba Karl Hesselbach legten von den Anfängen im Radio 1949 bis zu den letzten Fernsehproduktionen 1967 nahe, dass Wolf Schmidt und Karl Hesselbach eng verwandt oder gar identisch sind. Zwar ähnelten Babba Hesselbachs Charakterzüge eher Schmidts Großvater, jedoch identifizierte das Publikum Wolf Schmidt dadurch, dass er die Hauptfigur in allen Produktionen selbst spielte so sehr mit Karl Hesselbach, dass Schmidt sein Alter Ego nie mehr los wurde. "Wie Pech" klebe der "Babba" an ihm, bekundete Schmidt einmal.

Anfangs lieferte er mit den Hesselbachs seine Form der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Immerhin erlebte er in wichtigen Lebensjahren, zwischen 20 und 32, den Aufstieg und Fall der Nazis. Den Opportunismus der Masse während und ihre Verlogenheit nach dieser Zeit veranlassten ihn wohl, die Mechanismen von Wissen und Verdrängen zu erkunden - wobei er die Figur des Karl Hesselbach davon nicht ausnahm.

Journalist statt Jurist

Am 19. Februar 1913 wurde Wolf Schmidt als Sohn eines Gymnasiallehrers im hessischen Friedberg geboren. Im Mehrgenerationenhaus der Familie erhielt er vom Großvater künstlerisch und humanistisch ausgerichteten Privatunterricht. Er spielte Klavier und Querflöte und interessierte sich früh für das Theater, schrieb eigene Stücke und wirkte bei Amateuraufführungen mit. Der Familie zuliebe fing er ein Jurastudium an, brach aber nach zwei Semestern ab und ging nach Paris, wo er für zwei deutsche Zeitungen berichtete.

Weitere Stationen waren Italien und Berlin, wo er Mitte der 30er Jahre eine kleine Zeitung übernahm, deren Insolvenz er aber nicht verhindern konnte. Während des Zweiten Weltkrieges meldete sich Schmidt freiwillig und arbeitete als Kriegsberichterstatter. Danach gründete er das politische Kabarett "Die Zeitgenossen", mit dem er durch die Besatzungszonen tingelte. Seine erste Produktion für den Hessischen Rundfunk „Die Vorladung“ vom 28. August 1948 thematisiert das Leben am Rande der Legalität (Armut und Schwarzhandel) im Nachkriegsdeutschland.

Den Kleinbürger im Visier

Danach ging es beständig weiter. Fast 20 Jahre lang schuf Schmidt nicht nur die bekannteste Fernsehfamilie Deutschlands mit so bekannten Volksschauspielern wie Liesel Christ und Lia Wöhr, sondern neben weiteren Familiengeschichten unzählige Sketche für Radio, Fernsehen und öffentliche Veranstaltungen. Wolf Schmidt brachte es mit Babba Hesselbach auf 77 Radioproduktionen ("Familie Hesselbach", "Prokurist a. D. Hesselbach", "Hesselbach GmbH") und 51 Fernsehfilme ("Die Firma Hesselbach", "Die Familie Hesselbach", "Herr Hesselbach und ...") mit Traumquoten von nicht selten knapp 80 Prozent. Erfolg hatten auch seine vier Kinofilme mit der zu dieser Zeit bekanntesten Familie Deutschlands: "Ich muss sagen, die Filme waren ein gutes Geschäft. Ich bin zufrieden" resümierte Schmidt 1963 in der Frankfurter Rundschau.

Wolf Schmidt dokumentierte den Zeitgeist des kleinbürgerlichen Milieus nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des deutschen Wirtschaftswunders. Er porträtierte dabei die kleinen Leute mit ihren gutgläubigen und ihren boshaften Seiten, zeigte aber auch Verständnis für die alltäglichen Kompromisse. Die kleine Welt der Hesselbachs, der Familien- und Büroalltag gab den Nährboden für Tratsch und Intrigen, Stolz und Ehrgeiz, aber auch für ehrliche Gefühle, zu denen man sich quälend durchringen musste. Wolf Schmidt verdankt seinen Erfolg der hohen Kunst der Komik, vor allem der Situationskomik, die sich aus Widersprüchen und Verwicklungen ergab, aber auch der Pointendichte der Dialoge.

"De Babba Hesselbach is dood"

Zwar versuchte er nach Ende der Hesselbach-Folgen weiterhin mit neuen Ideen und Konzepten an den alten Erfolg anzuknüpfen, konnte aber keine größere Produktion mehr in den Medien platzieren. Einen Schnitt in Wolf Schmidts Leben bedeutete der Tod seines 10-jährigen Sohnes im Jahre 1968. Danach mussten seine Freunde einen beschleunigten Verfall der körperlichen und geistigen Kräfte des einst so vitalen und vor Ideen sprühenden Menschen beobachten. Am 17. Januar 1977 starb Wolfgang Schmidt im Alter von fast 64 Jahren in Gelsenkirchen, wo er seine letzten Lebensjahre in einem Heim für Demenzerkrankte verbrachte.

In Anspielung auf die Rolle seines Lebens betitelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung seinen Nachruf mit "De Babba Hesselbach is dood."

Quelle: hr-online