Zwei Jahrzehnte zeitgenössische Kunst im „MMK“

Keine Frage: Der zwanzigste Geburtstag des Museums für Moderne Kunst (MMK) steht unter guten Vorzeichen. Eben erst wurde MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer mit dem Goldenen Löwen von Venedig für den Deutschen Pavillon bei der Biennale ausgezeichnet. Und mit Elaine Sturtevant und Franz West erhielten in Venedig auch zwei der in der MMK-Jubiläumsschau gezeigten Künstler die begehrten Goldenen Löwen der Kunst-Biennale für ihr Lebenswerk. Kein Wunder. Zählt doch das 1991 eröffnete MMK zu den weltweit bedeutenden Häusern zeitgenössischer Kunst. Werke von Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Thomas Ruff, Josef Beuys oder Gerhard Richter, Pipilotti Rist oder auch Ai Weiwei und vielen anderen mehr zählen zur Sammlung.

Hervorragende Architektur

Doch nicht nur die im MMK gezeigte Kunst ist herausragend. Auch die Architektur des Museums nach Entwürfen des Wiener Architekten Hans Hollein ist spektakulär. Von außen betrachtet behauptet sich der Bau mehr als selbstbewusst auf der wegen des dreieckigen Grundrisses ungewöhnlichen Geländeform – weshalb das Museum im Volksmund auch liebevoll „Tortenstück" genannt wird. Innen treten Räume und Kunstwerke durch die zahlreichen Verbindungen, Durchgänge und Durchsichten in ein besonderes Spannungsverhältnis. Immer wieder sorgt der besondere Charakter der meist asymmetrischen Räume und Nischen sogar dafür, dass der Eindruck entsteht, als wäre ein Kunstwerk speziell für einen Raum konzipiert worden , wie beispielsweise die eindrucksvolle „Tischgesellschaft" von Katharina Fritsch. Und einige Künstler schufen sogar Werke für genau einen Raum in diesem Museum. So wurde das MMK immer auch zur Szene für sich stetig ändernde Ansichten von neuen und vertrauten Kunstwerken, die auch die Architektur oftmals neu „beleuchteten" und anders erscheinen ließen. Und es wurde Schauraum für die Werke der langsam wachsenden Sammlung des MMK, die inzwischen ziemlich groß geworden ist. Grund genug also für ein langes, besonderes, reiches und aufwändiges Geburtstagsfest.

Die Gegenwart kommt wieder aus dem Archiv

Bei diesem Geburtstag verhält es sich mit der Kunstwelt des MMK wie oftmals auch im richtigen Leben: Für das Fest zum Zwanzigsten reicht das eigene Heim nicht, es müssen andere Räume her. Und so findet die vom 19. Juni bis zum 9. Oktober dauernde, 96 Tage lange Geburtstagsausstellung zeitgleich im MMK, dem angegliederten MMK Zollamt und auf dem MainTor-Areal am Frankfurter Mainufer statt, das bis zum Abriss des ehemaligen Degussa-Hauses in ein ganz eigenes Museum umgestaltet wird. Allerdings: Anders als bei normalen Geburtstagen braucht der Jubilar in diesem Fall vor allem mehr Platz, um seine Gäste reich zu beschenken. Denn je nach Zählweise schlummern 4.000 bis 4.500 Kunstwerke in den De pots des MMK. Aber nur ein Bruchteil davon ist üblicherweise zu sehen. Zum Jubiläum werden nun zahlreiche Gegenwartsschätze geweckt und ausgepackt: „Ich bin überglücklich, dass wir viertausend Quadratmeter Ausstellungsfläche zu unserer eigentlichen Fläche hinzugewinnen konnten. So ist es möglich, in einem wirklich großen, dichten Überblick unsere Schätze der Sammlung zeigen zu können", so Susanne Gaensheimer. An die eintausend Werke von mehr als 150 Künstlern sind in der Jubiläumsschau unter dem Titel „20 Jahre Gegenwart" versammelt. Stars wie Nam June Paik und Christian Boltanski sind mit bedeutenden Werken vertreten, Pop-Art-Klassiker, Publikumslieblinge wie Mario Merz' Iglu oder On Kawaras Vasen, aber auch teilweise nie gezeigte Arbeiten und Werkgruppen von Künstlern wie Holger Bunk und Michel Majerus und zwei Jubliläumserwerbungen von Isa Genzken und Wolfgang Tillmans.

MMK direkt am Main

Die meisten Werke sind auf dem MainTor-Areal zu sehen, wo zurzeit noch auf sieben Etagen an allen Ecken und Enden geklopft und gehämmert, gestrichen, geschliffen, geputzt wird. Kunstwerke werden verschoben, aufgehängt, gesäubert, aufgebaut und aufgestellt oder an Strom angeschlossen. Überall stehen Kisten und Werkzeug. Auch Gaensheimers Mitkuratoren Klaus Görner und Peter Gorschlüter laufen durch die Gänge und überprüfen das Konzept. Schließlich sind die neuen Räume für alle eine Terra incognita, in der sich Wirkung und Dialog der Werke durch die Anordnung weniger gut vorab erahnen lassen, als beim Heimspiel in den eigenen Hallen. „Dadurch, dass wir diesen neuen Ort für ein paar Monate bespielen", fre ut sich Pressesprecherin Christina Henneke, „liegt das MMK beim diesjährigen Museumsuferfest auch mal endlich direkt am Main." Eine Lage, von der auch die 57 Pinguine von Stephan Balkenhol profitieren, die in ihren schwarzen Fracks von den hohen Podesten zwar nach wie vor nicht auf Eis und Meer, aber nun doch immerhin auf den Main blicken können.

Tortenstück mit extra Sahne

4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf sieben Etagen. Wer bei so viel Kunst hungrig wird, kann in einer Rauminstallation von Tobias Rehberger und der Kunstkantine von Ata Macias, Chef des Club Michel, und Simon Horn, Koch und Betreiber des Restaurants Blumen und des Privatclubs Seven Swans, etwas Stärkung zu sich nehmen. 96 Tage lang gibt es im Gebäude und auf der Terrasse Kaffee, Kuchen und Snacks. MMK After-Work-Partys, Kunstfilmkino und andere Veranstaltungen finden hier ebenfalls statt. Gaensheimer ist schon jetzt überzeugt, dass das ein Publikumsmagnet wird: „Es freut mich besonders, dass Tobias Rehberger sein temporäres Museumscafé auf dem MainTor-Areal einrichtet. Das wird mit Sicherheit ein Highlight, das mit seiner großen Dachterrasse allen Besuchern offen steht." Wie es nach diesem geballten Kunstmarathon mit dem MMK weitergeht, weiß Susanne Gaensheimer auch schon: „Wir planen im November eine große Douglas Gordon-Ausstellung, und das neue Jahr beginnt dann mit einer umfassenden Präsentation von Andy Warhol. Darauf freue ich mich jetzt schon."