Zu Besuch bei Herrn Steinhausen

Steinhausen SelbstbildnisWer sich ansehen möchte, wie Wilhelm Steinhausen (1846-1924) mit seiner Frau Ida, den vier Töchtern und zwei Söhnen im Frankfurter Westend lebte, muss anrufen, eine Besuchszeit vereinbaren und klingeln, als komme er auf eine Tasse Kaffee vorbei. Eva-Maria Magel von der FAZ hat es getan.

Als er dort einzog, war hinter der Straße die Stadt zu Ende. Das Haus des Malers Wilhelm Steinhausen (Abbildung: Selbstbildnis) im Frankfurter Westend ist heute ein wohlgehütetes Museum. Früher mag eins der sechs Kinder die Treppenstufen herabgesprungen sein, um dem Gast neugierig die Tür zu öffnen. Auch heute noch ist es so, als komme man zu Besuch: Die ruhige kleine Straße im Frankfurter Westend säumen hübsche Altbauten, dicht an dicht gebaut. In den Vorgärten blühen die letzten müden Rosen, die ein paar Blätter auf den Bürgersteig haben fallen lassen.

"Der Maler Wilhelm Steinhausen lebte in diesem Hause 1886-1924" steht über dem Buntsandsteinportal der Wolfsgangstraße 152. Nebenan, über Haus Nummer 150, prangt eine ähnliche Inschrift: Bis 1899 lebte dort Hans Thoma (1839-1924), der beste Freund und erfolgreiche Künstlerkollege Steinhausens.

Wer sich ansehen möchte, wie Wilhelm Steinhausen (1846-1924) mit seiner Frau Ida, den vier Töchtern und zwei Söhnen dort lebte, muss anrufen, eine Besuchszeit vereinbaren und klingeln, als komme er auf eine Tasse Kaffee vorbei. Die gibt es auch manchmal, allerdings für die Kunsthistoriker, die im Atelier des Malers im obersten Stockwerk, dem Allerheiligsten des Hauses, Skizzenbücher und Briefe, Schriften und das schwere, handschriftlich geführte "Maler-Hauptbuch" konsultieren. Dort stehen die Pinsel Steinhausens in ihrer Halterung, liegen Farbtuben und Paletten auf dem Tisch, als sei der Hausherr, der ein weiteres Atelier an der Städelschule hatte, nur mal eben aus dem Zimmer gegangen. An der Wand lehnen Skizzen, in den Schränken lagern Blätter, Miniaturen, wie sie unten, im einstigen Wohnzimmer, so gehängt sind wie wohl vor hundert Jahren auch.

"Mutters Galerie" hießen in der Familie diese kleinen, im selben Holz gerahmten Formate. Landschaften, der Neuenburger See, Mespelbrunn, Burg Schöneck im Hunsrück, die der Maler 1910 erworben hatte. Ein Drittel der 18 Gemälde von "Mutters Galerie" hat die Steinhausen-Stiftung, die das Museum betreibt, zusammengetragen. Mit "Tagebuchblättern", Landschaften, stets 19 mal 29 Zentimeter klein, hielt Steinhausen nicht nur fest, wann er wo gewesen war - er experimentierte mit Kompositionen, die in größeren Werken wieder auftauchten: Landschaften machen den größten Teil von Steinhausens Werk aus, was lange wenig bekannt war. Er hatte sie eher zurückgehalten, denn Steinhausen war oft abgelehnt worden - heute hängen seine Bilder in internationalen Museen. Bekannt war er für großformatige religiöse Gemälde und als Kirchenausstatter. Auch in Frankfurt hat er öffentliche Aufträge erhalten: Die Lukaskirche in Sachsenhausen, die er 1913-1918 ausmalte, wurde im Krieg zerstört, noch intakt ist das Fresko in der Aula des Gagern-Gymnasiums. Als prägend gelten Steinhausens Gesang- und Gebetbuch-Illustrationen, eine Art volksnahe christliche Kunst, Vorlagen der Drucke hängen im Treppenhaus des Museums, das immer noch Wohnhaus ist - eine Mieterin im ersten Stock ist Hüterin des Hauses und lässt Forscher ein. Derzeit herrscht ordentlich Betrieb, denn das Frankfurter Museum Giersch wird im März 2012 eine große Steinhausen-Schau eröffnen.

Als "zu speziell" galt Steinhausen vielen, seine monumentalen neutestamentarischen Gemälde zogen vor allem in frühen Jahren beißenden Spott auf sich. Im Salon des Hauses ist zu sehen, dass der tiefreligiöse Mann, der sogar einen Ehrendoktor der Theologie erhielt, eindringliche Porträts geschaffen hat: Seine Mäzenin Rose Livingston, seine Frau, ein Selbstporträt und seine Kinder in einer Rötelzeichnung sind dort versammelt - neben Erinnerungsstücken. In Frankfurt begann Steinhausens Glückssträhne.

Erst im Alter von 34 Jahren, 1880, hatte er genügend Sicherheit, seine Verlobte Ida Wöhler zu heiraten. Damals lebte er schon vier Jahre in Frankfurt, erst mit seinem Herzensfreund Hans Thoma, den er 1866 an der Akademie in Karlsruhe kennenlernte und mit dem er von 1873 an in der damaligen Kunsthauptstadt München Umgang mit Arnold Böcklin, Wilhelm Trübner oder Carl Schuch pflegte. Erfolg hatte Steinhausen kaum. Bis er auf einer Rügen-Reise den Frankfurter Architekten Simon Ravenstein kennenlernte. "Auftrag!!!", notierte Steinhausen im Oktober 1876 in sein Tagebuch. Er sollte Ravensteins Speisezimmer ausmalen.

pic steinhausen 01Viele ähnliche Aufträge folgten - doch kein Interieur Steinhausens ist erhalten. Im Wintergarten seines Hauses hängt eine Skizze für ein Fresko, wie betuchte Frankfurter sie sich in ihre Neubauten malen ließen. Ravenstein, der Architekt, baute Steinhausen und Thoma die mit Atelier ausgestatteten Villen in ein Neubauviertel - dahinter war die Stadt zu Ende: Westend. Dank Rose Livingston konnte sich Steinhausen ein Steckenpferd leisten, sein Haus hat eine private Sternwarte auf dem Dach, die gut verborgen hinter einer leuchtend grünen Tür liegt.

Seine Tochter Rose Steinhausen, die im Elternhaus lebte, ihren seit 1919 aufgrund eines Schlaganfalls gelähmten Vater bis zu seinem Tod betreute und bis in die achtziger Jahre hinein seinen Nachlass verwaltete, hat 1978 eine Steinhausen-Stiftung gegründet. Und es ist auch die weitverzweigte Familie, die immer wieder Stücke an das Museum zurückgibt.

"Steinhausen war ungemein produktiv", sagt Constantin Paquet, Geschäftsführer der Stiftung. Paquet ist Nachfahre von Steinhausens Tochter, der Malerin Marie Paquet-Steinhausen, die von ihrem Vater ausgebildet wurde. Vorsitzende der Stiftung ist seine Cousine, die Kunsthistorikerin Maraike Bückling, auch sie eine Nachfahrin des Malers. Haus und Garten hat 1986/87 die Stadt Frankfurt renoviert, die Stiftung will in den nächsten Jahren eine Datenbank erstellen, das Werk weiter erforschen, auch eine Homepage soll es geben, so Paquet. Einige von Steinhausen verfasste und illustrierte Schriften darf sich der Besucher auch mitnehmen, wenn er sich im ehemaligen Salon in das Gästebuch eingetragen hat - es geht weiterhin familiär zu bei Steinhausens.

Das Steinhausen-Museum Frankfurt, Wolfsgangstraße 152, ist nur nach voriger Anmeldung zu besichtigen. Informationen unter den Telefonnummern 069 5972326 oder 069 636298.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 2.Oktober 2011 (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 39, S. R3); Autorin: EVA-MARIA MAGEL