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Ab 1982 machte sie eine Ausbildung zur Polizistin und arbeitete anschließend drei Jahre lang in Darmstadt und Frankfurt am Main als Polizeihauptwachtmeisterin im Streifendienst. „Ich wollte die Realität studieren“, sagt die Schriftstellerin Annegret Held. Lebenserfahrung wollte die gebürtige Westerwälderin sammeln, um Romane schreiben zu können. Nicht aus dem Elfenbeinturm, sondern aus dem Polizeirevier.
Zwischen 1984 und 1987 führte sie Tagebuch: über Frankfurter Messerstechereien und Hausdurchsuchungen im „Sudfaß“, über das Pilotprojekt „Frauen bei der Polizei“ in Darmstadt und die 300 Überstunden an der Startbahn West. Dort musste sich die friedensbewegte Polizistin als Nazi beschimpfen lassen. „Ich fühlte mich gehasst von meiner eigenen Generation“, erinnert sie sich. „Ich wollte diesen Leuten die Polizei erklären, schreiben, was ich an der Startbahn nicht sagen konnte.“
Kaum hatte sie die Zusage vom Eichborn Verlag für ihr „Bullenbuch“, da quittierte sie ihren Dienst. 1988 erschien ihr Tagebuch unter dem Titel „Meine Nachtgestalten“: 98 Zeitungsinterviews, 14 Talkshows und etliche Lesungen ließen sie vergessen, dass sie doch inzwischen für Ethnologie und Kunstgeschichte in Heidelberg immatrikuliert war, wo sie in einer feministischen Frauen-WG hauste. Und dann bekam sie auch noch ein Kind. Tochter Elisa, die heute Kulturwissenschaft in Koblenz studiert, musste ernährt werden. Also heuerte Annegret Held als Büroassistentin bei einer Anwaltskanzlei an. Dann packte sie die Sehnsucht nach Frankfurt. Anfang der Neunziger ging sie für fünf Jahre zum Buchhändler Hugendubel.
Die Teilzeitbeschäftigung ließ ihr Zeit, sich ihren Traum zu erfüllen: Schriftstellerin werden. Schon ihre „Strick-Oma“ hatte so schön Märchen erzählt, und ihr Vater war nicht nur Tüftler, sondern auch Heimatdichter. Nach der Grundschule in Pottum, wo Annegret Held 1962 geboren wurde, und dem Gymnasium in Westerburg machte sie ein soziales Jahr in einem Wiesbadener Krankenhaus und einem Limburger Behindertenkindergarten. Die Begabung für Sprache hatte sich früh gezeigt: Schon als Siebenjährige hatte sie Theater im Heizungskeller veranstaltet, als Zwölfjährige einen Wettbewerb mit einem Gedicht über „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“ gewonnen und mit 15 einen 555 Seiten langen Roman in 19 Schulheften verfasst. Ganz zu schweigen von der Karnevalsbühne und dem „wilden Theater“ im Dorf.
Sie wurde Schriftstellerin, ohne je den Kontakt zur ihren Westerwaldwurzeln aufzugeben. 1997 veröffentlichte sie einen Heimatroman: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, zwei Jahr darauf erschien „Die Baumfresserin“. Ihre weiteren Brotjobs im Hotelgewerbe, im Pflegeheim und bei der Flugsicherung verarbeitete sie in den Romanen „Das Zimmermädchen“ (2004), „Die letzten Dinge“ (2005) und „Fliegende Koffer“ (2009). Ihre „Nachtgestalten“ wurden 2001 verfilmt und mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Ihren Lebensunterhalt verdient sie jetzt im ruhigen Büro einer japanischen Firma. Ihr jüngster Roman muss warten, denn vorher schreibt sie ein Stück für das Frankfurter Volkstheater. „Ich glaube an ein sensibles Volkstheater, komisch, rührend, weise“, sagt sie und brennt vor kreativer Lust.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 27.November 2010 (Seite 48), Autor: Claudia Schülke