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Kaum ist mit der umfangreichen Sanierung der katholischen Leonhardskirche in Frankfurt begonnen worden, kann das Denkmalamt eine Entdeckung vermelden: eine Figur aus dem 15. Jahrhundert, wie es sie nur noch selten gibt.
Nach gut 200 Jahren ist in diesen Tagen eine Sandsteinfigur aus ihrem „Grab“ befreit worden, das sie im Boden der Kirche St. Leonhard gefunden hatte. Im Jahre 1809 war das Innere des Gotteshauses aufgeschüttet worden, und weil die Statue dem Zeitgeschmack nicht mehr so recht entsprach, nutzte man sie als Füllmaterial. Doch nun ist sie bei den umfangreichen Sanierungsarbeiten in der katholischen Kirche wieder ans Tageslicht gekommen – und der Fund darf als außergewöhnlich gelten. Gestern wurde er der Öffentlichkeit vorgestellt.
Figuren wie diese, einen sogenannten Atzmann, gibt es nämlich nur noch sehr selten. Die im Chorraum von St. Leonhard gefundene Figur stammt von Anfang des 15. Jahrhunderts. Sie zeigt einen Diakon in seinem liturgischen Gewand, der in seinen Händen eine Buchstütze hält. Auf dieser Stütze lag das Evangeliar oder ein anderes Buch, das im Gottesdienst gebraucht wurde. In Frankfurt gibt es nur noch im Dom eine solche Figur.
Diejenige in St. Leonhard hat ihren Dienst fast 400 Jahre verrichtet – bis sie 1809 Teil des neuen, höhergelegten Bodens wurde. Diesen wieder auf ein Niveau zu bringen, das er im 16. Jahrhundert hatte, ist ein Ziel der großen Sanierung. Deswegen und weil eine neue Heizungsanlage eingebaut werden soll, wird derzeit in der Kirche tief gegraben. Dabei traten außer dem Atzmann 18 spätgotische Grabplatten zum Vorschein. Auch sie waren einst genutzt worden, um den Boden aufzuschütten.
Kirchendezernent Uwe Becker und Planungsdezernent Edwin Schwarz (beide CDU) sagten gestern zu, dass der Atzmann wieder in der Kirche aufgestellt werde – das ist auch der Wunsch von Stadtdekan Johannes zu Eltz. Die Stadt finanziert die insgesamt rund sieben Millionen Euro teure Kirchensanierung, da St. Leonhard zu den acht sogenannten Dotationskirchen zählt, für die die Kommune zuständig ist. Mit den Bodenarbeiten war im Juli begonnen worden. Derzeit steht sogar ein kleiner Bagger mitten in dem Gotteshaus.
Wie die Denkmalamtsleiterin Andrea Hampel schilderte, ist die sehr gut erhaltene Sandsteinfigur zu Beginn des 15. Jahrhunderts von den beiden Familien Monis und Weiß von Limpurg gestiftet worden. Darauf weise das Wappen auf der Statue hin. Johann Monis war um das Jahr 1430 mehrfach Älterer Bürgermeister von Frankfurt gewesen. „Damals wurde die Kirche mit vielen Stiftungen bedacht, und die Statue war ein teures Geschenk“, so Hampel. Eine genauere kunsthistorische Betrachtung der Statue stehe noch aus. Sie wieder in der Kirche aufzustellen und nicht in einem Museum sei auch im Sinn der Denkmalpflege. Sie ist weitgehend unversehrt.
Der Stadtdekan verwies auf die Funktion des Diakons, der das Wort Gottes trage, das den Menschen zur geistlichen Nahrung gereiche. Vom Wort „Äsung“ (Nahrung) komme auch der Name jener Art von Statuen, „Atzmann“. Wie Eltz sagte, könnte die Restaurierung der Statue mit Hilfe einer Frankfurter Stiftung finanziert werden. Er wolle deswegen Kontakt zu ihr aufnehmen.
Die im südlichen, zum Main gelegenen Kirchenschiff gefundenen Grabplatten stammen Hampel zufolge alle aus der Kirche, auch wenn sie an ihrem jetzigen Ort neu angeordnet wurden. Auch sie müssen von Fachleuten noch eingehend ausgewertet werden. So viel scheint aber schon sicher zu sein: Bei den meisten handelt es sich um spätgotische Grabplatten von Klerikern, die einst an der Kirche Dienst taten. Darauf verweisen schon Inschriften, die teils gut lesbar sind.
Vermutlich sind der Atzmann und die Grabplatten nicht die letzten Funde, die das Denkmalamt bei den Arbeiten in St. Leonhard machen wird. Die ersten sind es übrigens auch nicht. Schon vor zwei Jahren waren bei Ausgrabungen sensationelle Entdeckungen gemacht worden: ein Stück eines romanischen Vorgängerbaus, eine zwar zerbrochene, aber vollständig erhaltene Figurengruppe aus der Zeit um 1430, die vielleicht zu einer Darstellung des Grabes Jesu gehört hat, und ein Zimmer im Südturm, das vom 14. bis 16. Jahrhundert als Bibliothek gedient haben musste.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 17. August 2011 (Seite 37), Autor: toe.