Der Landgraf sichtet sein Eigentum

dilich-landtafelManchmal sind Kunstwerke Überbleibsel von Unglück und Scheitern. Das gilt auch für die Kostbarkeit, die an der Universitätsbibliothek Kassel am 6. November 2011  zum ersten und auf absehbare Zeit einzigen Mal zu sehen war – eine Auswahl aus den Landtafeln hessischer Ämter zwischen Rhein und Weser, die Wilhelm Dilich zu Beginn des 17. Jahrhunderts für Moritz von Hessen anfertigte.

Der Landgraf wollte sich mit ihrer Hilfe einen besseren Überblick über sein verstreutes Herrschaftsgebiet verschaffen und erteilte Dilich im Jahr 1607 den Auftrag, seine Besitzungen auf Landkarten und seine Burgen und Schlösser in Ansichten zu erfassen.

Geplant waren insgesamt etwa 250 Tafeln. Ihr Zweck war es auch, während ihrer Herstellung, erst recht aber nach ihrer Fertigstellung den hessischen Herrschaftsanspruch über die zum Teil erst kurz zuvor erworbenen Gebiete zu dokumentieren, wie Bibliotheksdirektor Axel Halle sagt. Dilichs Werk sollte die „Durchregierungsfähigkeit“ des Landgrafen belegen: Wenn er Darstellungen bestimmter Gebiete und Gebäude hatte erstellen können, musste er zuvor über gesicherten Zugang zu ihnen verfügt haben.

Der 1571 oder 1572 geborene Dilich hatte in Kassel die Gelehrtenschule besucht und in Wittenberg und Marburg studiert. Für den Hof der Landgrafen war der Pfarrerssohn in Kassel von 1592 an als Graphiker tätig. Der Auftrag zur Darstellung aller Hessen-Kasseler Lande erwies sich für ihn jedoch als verhängnisvolles Geschäft. Weil er nach mehreren Jahren erst einen Teil der Arbeiten abgeschlossen hatte, ließ Moritz ihn 1622 gefangen nehmen. Der Landgraf, der eine kostspielige Hofhaltung pflegte und nicht gut haushalten konnte, befand sich in Geldnot und suchte nach Einsparmöglichkeiten. Also warf man Dilich vor, er lasse es sich auf den landgräflichen Schlössern zu gutgehen. Erst nach drei Jahren gelang dem Gefangenen die Flucht aus Hessen. Er ging nach Sachsen, wo er für den kurfürstlichen Hof tätig war und sich in historiographischen Werken der Geschichte des Kurfürstentums und des Königreichs Ungarn widmete. Er starb angesehen 1655. Sein Landtafelwerk blieb unvollendet in Hessen zurück.

„Virtuelles Arbeiten“ in früher Zeit

66 von Dilich verfertigte Ansichten haben sich erhalten, eine ist im Zweiten Weltkrieg verschollen. Zwölf Tafeln verwahrt das Marburger Stadtarchiv, eine gehört der Hessischen Hausstiftung und wird auf Schloss Fasanerie in Eichenzell aufbewahrt. Vor kurzem haben Ingrid Baumgärtner, Martina Stercken und Axel Halle einen Faksimileband mit Abbildungen aller Tafeln veröffentlicht, zu dessen Erscheinen die Universitätsbibliothek ausnahmsweise eine Auswahl der empfindlichen Originale zeigte. Die Ansichten sind sonst nicht zugänglich, sogar im begehbaren Handschriftentresor der Bibliothek liegt nur eine, der Rest bleibt verwahrt.

Erstmals waren also 14 Tafeln zusammen zu sehen. Dabei wurde auch ein besonderer Effekt mehrerer Blätter vorgeführt: Auf bestimmten Ansichten seiner Schlösser und Burgen konnte der Landgraf das von Dilich verwendete dünne Papier wegklappen und hinter der Darstellung der Außenmauern ein Bild des Interieurs erkennen. Halle vergleicht die Idee mit Darstellungstricks unserer Zeit. „Heute würde man es virtuell zeigen.“

Brüder Grimm als Bibliothekare involviert

brder-grimmNach der Präsentation der Tafeln ging es auch in den Handschriftentresor, in dem einige der anderen Schätze der Bibliothek zu sehen sind. Von ihnen gibt es einige, denn die Universitätsbibliothek, zu der zehn Standorte mit rund 1,9 Millionen Bänden zählen, wurde in ihrer heutigen Form zwar erst 1973 gegründet. Ihre Tradition aber reicht weit zurück bis in das Jahr 1580, in dem Landgraf Wilhelm IV. sich eine Bibliothek zulegte. Von 1814 bis 1829 wirkten die Brüder Grimm als Bibliothekare, noch immer kann die Universitätsbibliothek Kataloge mit Einträgen der beiden Märchenforscher zeigen. Im Laufe der Zeit wurde aus der fürstlichen Büchersammlung die Landesbibliothek, die bis zur Zerstörung Kassels im Krieg im heutigen Museum Fridericianum untergebracht war. 1957 zog das, was von ihr übrig war, in das 1905 errichtete Gebäude der Murhardschen Bibliothek, einer Stiftung der Kasseler Bürger Friedrich und Karl Murhard, die ihr Vermögen um 1850 ihrer Heimatstadt überlassen hatten, um eine Bibliothek zu gründen, die für alle Bürger zugänglich war. 1976 wurden die Bibliotheken gemeinsam der gerade einmal drei Jahre alten Universitätsbibliothek zugeschlagen.

In ihrem Tresorraum zeigt die Universität nur etwa 40 der insgesamt rund 10 000 Handschriften aus ihren Beständen. Unter ihnen befinden sich Kunstwerke von nationaler Bedeutung: das Hildebrandslied, das Mönche im Kloster Fulda im 10. Jahrhundert auf die erste und die letzte Seite einer theologischen Handschrift notierten, ein prächtig illustrierter mittelalterlicher Willehalm-Kodex und eines der ältesten Bücher in Deutschland, ein Flavius Josephus aus dem späten 6. Jahrhundert, der mit dem heiligen Bonifatius nach Hessen gekommen sein muss. Entstanden ist die Handschrift mit den Texten des Geschichtsschreibers in Süditalien, danach hat sie, das zeigen Ausbesserungen beschädigter Zeilen, zwei Christianisierungen mitgemacht, eine in Südengland, die andere in den wilden Wäldern Hessens. Was die christlichen Missionare ins Land brachten, ist in Kassel morgen ebenso zu sehen wie der Versuch Moritz von Hessens und Wilhelm Dilichs, es kartographisch zu erfassen.

Der von Ingrid Baumgärtner, Martina Stercken und Axel Halle herausgegebene Faksimileband „Wilhelm Dilich – Landtafeln hessischer Ämter zwischen Rhein und Weser 1607 bis 1625“ ist in diesem Jahr bei Kassel University Press erschienen und kostet 39 Euro.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 5. November 2011 (Seite 60), Autor: Florian Balke

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