Das Branchenbuch für Hessens Kulturlandschaft.
Finden Sie Künstler, Musiker, Theater, Förderpreise und vieles mehr…
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Eine Millionen Menschen nutzen jährlich in Hessen die über 3.500 Veranstaltungen in freien Kultureinrichtungen, die sich Kulturzentrum Schlachthof , Kulturzentrum Kreuz oder Bessunger Knabenschule nennen.
Die wenigsten Besucher und Nutzer sind sich dabei bewusst, dass die Einrichtungen, in denen sie Konzerte und Kleinkunst, Literatur und Ausstellungen, Kurse und Seminare erleben oder auch selbst anbieten, Soziokulturelle Zentren sind. Denn anders als bei Museen oder Theater erschließt sich der Begriff „Soziokultur“ nicht von allein. Als Fachbegriff der Kulturpolitik bezeichnet er eine direkte Hinwendung von Akteuren und Kultureinrichtungen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und zum Alltag. In Hessen gab Hilmar Hoffmann mit „Kultur für alle“ das programmatische Motto aus.
Orte von Soziokultur sind vor allem Soziokulturelle Zentren . Sie sind keine reinen Kulturanbieter, sondern sie sind darüber hinaus Orte für Demokratie und Dialog, für Prävention und Partizipation, für Mitmachen und Mitgestalten. Sie stehen nicht vorrangig für große und teure Events, sondern für eine offene und genreübergreifende ganzjährige Kulturarbeit.
Entstanden im Zuge der so genannten neuen sozialen Bewegungen wie Friedens-, Frauen- oder Umweltbewegung, gibt es mittlerweile bundesweit über 450 soziokulturelle Zentren, davon knapp 30 in Hessen. Die Geschichte der Soziokulturellen Zentren ist eine Geschichte von Erfolgen, gemessen an der Akzeptanz, die sie nach knapp 30 Jahren quer durch alle Gesellschaftsschichten genießen. Sie sind aus der bundesdeutschen, aber auch europäischen Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Die ihnen eingeschriebenen Arbeitsmethoden haben auch auf andere Bereiche einen nachhaltigen Einfluss gehabt, beispielsweise auf die kulturpädagogische Arbeit von Theatern und Museen oder auf die Erwachsenenbildung. Aber auch kulturwirtschaftlich finden sich hier vielfältige Impulsgebungen, wie die bisherigen Hessischen Kulturwirtschaftsberichte eindrucksvoll bestätigen. So haben beispielsweise nicht wenige Künstler oder Kunstformen , die mittlerweile auch große Veranstaltungshallen füllen, sich ihre Bühnenreife, aber auch ihr Publikum nicht zuletzt in Soziokulturellen Zentren erspielt.
So sperrig und uneindeutig der Terminus Soziokultur zuweilen erscheinen mag, so lebendig ist die dahinter stehende tägliche Kulturarbeit. Soziokulturelle Zentren bieten ihrem Publikum ein genreübergreifendes und lebensraumnahes “365-Tage”-Veranstaltungsprogramm, leisten einen Beitrag zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses und ermöglichen breiten Bevölkerungsschichten die aktive Teilhabe am kulturellen und politischen Leben. Die Integration verschiedener Altersgruppen, sozialer Schichten und Nationalitäten, die Unterstützung und Förderung von sozialer und politischer Arbeit sowie die Verwirklichung von demokratischen Entscheidungsstrukturen gehören zum grundlegenden Selbstverständnis soziokultureller Einrichtungen, die in der Regel als gemeinnützige Vereine organisiert sind.
Darüber hinaus gibt es je nach Räum- und Möglichkeiten viele unterschiedliche Angebote: Frei-Räume für kulturell, sozial oder politisch tätige Vereine, Gruppen und Initiativen, Proben- und Produktionsmöglichkeiten für Hunderte Musik- oder Theatergruppen, Organisation von Stadtteilfesten oder Festivals, Beschäftigungsprojekte, Beratung, Kinderbetreuung, Workshops, Qualifizierungsangebote und vieles andere mehr.
Soziokulturelle Zentren verstehen sich nicht nur in der Programmarbeit als offen. Ausdrücklich erwünscht und gefördert wird in den Häusern auch die aktive und eigenverantwortliche Beteiligung von Menschen. So sind in allen Einrichtungen auch über punktuelle Veranstaltungskooperationen viele Menschen ehrenamtlich engagiert und eingebunden; einige Häuser und Initiativen werden sogar ausschließlich über bürgerschaftliches Engagement getragen. Dies zugegebenermaßen nicht immer ganz freiwillig, da die öffentliche Unterstützung und damit auch der Entwicklungsstand der Häuser wie der gesamten Szene im Vergleich zu anderen Kultursparten in Hessen oder auch im bundesweiten Vergleich eher unterdurchschnittlich zu nennen ist.
Unter dem programmatischen Motto „Vielfalt statt Einfalt“ finden jährlich weit über 3.500 Veranstaltungen in den hessischen Soziokulturzentren statt. Das Spektrum reicht von Theater, Musik, Literatur, Film bis hin zu Bildender Kunst. Viele dieser Veranstaltungen und Veranstaltungsreihen (z.B. „female voices“) finden in Kooperation mit gesellschaftspolitisch oder kulturell aktiven Gruppierungen oder Personen statt, denn Soziokulturelle Zentren sind offen für Ideen, Wünsche und Anregungen. Dementsprechend gibt es eine große Nähe der Einrichtungen zu den vorhandenen Szenen vor Ort, was sich wiederum gegenseitig befruchtet, denkt man z.B. an die poetry slams im Kulturpalast Wiesbaden oder die freie Theater- und Schultheaterszene in der Kulturfabrik Salzmann in Kassel. Mittlerweile greifen auch viele Städte oder Unternehmen auf das vorhandene vielfältige KnowHow zurück. So richtet mittlerweile der Schlachthof Wiesbaden das ehemals städtische Festival „Folk im Garten“ aus, und musikglobal frankfurt e.V. organisiert im Auftrag der Stadt Frankfurt einen jahresübergreifenden Chinaaustausch. Und selbst die Weltkunstschau documenta geht bewusst wegen der gesellschaftspolitischen Strahlkraft auf die Soziokultur zu und sucht eine institutionelle Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Schlachthof . Typisch soziokulturell ist auch das Entwickeln und Fördern neuer Formate oder Aktivitäten wie creole – Preis für Weltmusik aus Hessen , der sich der Förderung der weltmusikalischen Szene in Hessen und Deutschland verschrieben hat.
Einen Einblick in die Vielfalt des Veranstaltungsspektrums bietet das hessenweite Internetportal Soziokultur online , das neben den Veranstaltungen auch viele Interviews oder einen Newsletter zu Kulturpraxis und -politik bietet, während das Kinder- und Jugendportal LAKidS Aktivitäten und Möglichkeiten für die Jüngeren aufzeigt.
Soziokulturelle Zentren und Initiativen sind an vielen Orten zu finden: in Großstädten, in Klein- und Mittelstädten, aber auch im ländlichen Raum. Dabei ist das äußere Erscheinungsbild durchaus unterschiedlich. Nicht selten findet sich eine kulturelle Umnutzung ehemaliger Industriebrachen. So wurde aus einer ehemaligen Schlachtehalle in Wiesbaden das Kommunikations- und Kulturzentrum Schlachthof , das einige Tausend Menschen fasst und mittlerweile nicht nur im nationalen, sondern internationalen Spitzenbereich von Musikveranstaltern mitmischt. Stadtentwicklung durch Kultur, ein typisch soziokulturelles Handlungsfeld.
Eine unverzichtbare Rolle spielen auch die vielen Soziokulturellen Zentren in den hessischen Klein- und Mittelstädten. Hier sind sie nicht selten neben lokalen Kinos die einzigen Ganzjahreskulturanbieter. Was wäre beispielsweise die osthessische Stadt Bad Hersfeld außerhalb der Bad Hersfelder Festspiele ohne das Buchcafé Bad Hersfeld ? Was die Studentenstadt Marburg ohne das KFZ , das Trauma und die Waggonhalle ? Einen großen Beitrag zur interkulturellen Verständigung leistet auch das Zentrum für Interkulturelle Bildung und Begegnung in Gießen. Und wer sagt, dass auf dem Lande nichts los sei? Initiativen wie künstLich e.V. im mittelhessischen Lich beweisen eindrucksvoll das Gegenteil.
Dies geschieht natürlich nicht nur in den Soziokulturellen Zentren, die ein spartenübergreifendes und ausdifferenziertes Angebot bereitstellen, sondern es gibt in Hessen zudem viele Gruppen und Projekte, die sich in ihrer Arbeit auf spezielle Tätigkeitsfelder oder Zielgruppen beschränken, z.B. Theater mit psychisch kranken Menschen wie das Theater Chaosium (Kassel). Oder auch die Umsetzung eines dreitägigen Festivals in der nordhessischen Provinz, das mittlerweile jährlich zehntausende Menschen anzieht und fast ausschließlich von jungen Erwachsenen ehrenamtlich organisiert wird wie das Open Flair-Festival .
Als Landeskulturverband ist die Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und soziokulturellen Zentren ( LAKS Hessen e.V. ) aktiv. Seit über 20 Jahren sorgt sie für Austausch, Beratung, Vernetzung und Qualitätsentwicklung, vermittelt zwischen Kulturpraxis und –politik, erstellt Publikationen, Berichte oder Interviews , führt kulturpolitische Diskussionen durch, erstellt Hintergrundmaterialien und Statistiken, arbeit in verschiedenen Jurys und Gremien mit und fungiert als Ansprechpartner für Kulturschaffende, Kulturpolitik und –verwaltung sowie kulturinteressierte Menschen. Sie betreibt verschiedene Internetportale, darunter Soziokultur online , das Kinder- und Jugendportal LAKidS, Kultur ruft! sowie seit 2007das Kulturportal Hessen . Als weiteren Service bietet sie den LAKS-Letter , ein für Hessen einmaliges Medium an der Schnittstelle zwischen Kulturpraxis und –politik, sowie ein kulturpolitisches Informationsarchiv, das sich in erster Linie an Studierende verschiedener Fachbereiche wendet. Die LAKS Hessen ist Mitglied im Landesbündnis Weltoffenes Hessen, dem Hessischen Literaturrat , der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren (Berlin), der Kulturpolitischen Gesellschaft (Bonn) sowie dem European Network of cultural Centres (ENCC).
Das Prinzip Soziokultur – eine Kulturpraxis mit hohem gesellschaftlichem Nutzwert
Soziokultur als Prinzip, das heißt: Eigeninitiative entwickeln; offen sein für Menschen, Ideen und Projekte; neue künstlerische Formen entwickeln; neue Orte suchen; Vernetzungen schaffen; zielgruppenspezifische oder –übergreifende Angebotsformen entwickeln; gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen, Fragestellungen und Probleme aufgreifen sowie der Versuch, dies mit künstlerischen und kulturellen Mitteln zu bearbeiten.
Soziokultur ist keine Kultursparte, sondern eine Kulturpraxis. Eine Kulturpraxis von, mit und für Menschen. Eine Kulturpraxis, die in einer modernen und sich zunehmend ausdifferenzierenden Gesellschaft und angesichts des umfassenden demografischen Wandels mit ihren vielfältigen sozialen wie künstlerischen Labor-, Mittler- und Aushandlungsprozessen unverzichtbar bleibt.
Bilder: LAKS Hessen