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Ältere Frankfurter kann man leicht mit der Frage in Verlegenheit bringen, was sie vor 30 Jahren eigentlich in ihrer Stadt vorgezeigt haben, wenn die Verwandtschaft aus anderen Teilen des Landes zu Besuch war. Kein Museumsufer, die Alte Oper eine Ruine, der Römerberg ohne Fachwerk-Lückenschluss. Und dann diese Hochhäuser - schlichte Kisten, wahlweise in grauem Beton oder mit brauner Aluminiumfassade. Die Türme waren Symbole für den selbstzerstörerischen Umgang einer Stadt mit ihrem Erbe und mit ihrem öffentlichen Raum.
Wer heute Gäste nach Frankfurt einlädt, der kann ihnen guten Gewissens ein verlängertes Wochenende ans Herz legen. Die These sei gewagt: Keine andere Großstadt in Deutschland, zumindest in den westlichen Bundesländern, hat sich in den vergangenen Dekaden so sehr zu ihrem Positiven verändert. Das ist draußen in der Welt durchaus bemerkt worden; viel wichtiger noch - das Selbstbild der Frankfurter ist freundlicher geworden. Der entschuldigende Unterton, der früher oft gegenüber Auswärtigen angeschlagen wurde, wenn man sich als Frankfurter bekennen musste, ist viel seltener zu hören. Die Stadt ist nicht so chic wie München, nicht so cool wie Berlin, nicht so mondän wie Hamburg. Aber sie ist doch längst die Erste unter den Nichtmillionenstädten des Landes.
Auch in dieser Geschichte eines Imagewandels spielen die Hochhäuser wieder eine wichtige Rolle. Immer noch sind die Türme Symbole, jetzt aber für eine weltoffene, unternehmerische, mitunter sogar spielerische Haltung. Wenigstens in dieser Hinsicht ist Frankfurt die einzige deutsche Stadt, die internationalen Ansprüchen genügt. Auch wenn London und Paris aufgeholt haben, und auch wenn Madrid und Moskau sich anschicken, zu einer ernsthaften Konkurrenz zu werden: Die eindrucksvollste Skyline in Europa steht immer noch am Main.
Der Zeitpunkt, an dem die Stimmung in der Hochhausfrage kippte, ist nicht mehr ganz genau zu bestimmen. Es begann damit, dass sich die Ära architektonischer Einfallslosigkeit dem Ende entgegenneigte. Ende der siebziger Jahre entstanden im Bankenviertel zwei Türme, die nicht nur mit einer freundlich-silbrigen Außenhaut zu glänzen wussten. Der Turm der Dresdner Bank im Bahnhofsviertel und das Hochhaus der BfG gegenüber den Städtischen Bühnen - heute als Eurotower bekannt - begnügten sich nicht mehr mit der reinen Kistenform des zunehmend banalisierten Internationalen Stils, sondern modulierten die Quadratform, indem sie verschiedene Baukörper ineinanderschoben.
Nur wenige Jahre später, 1984, wurden zwei Ikonen der Frankfurter Skyline fertiggestellt. Das Messetorhaus des Architekten Oswald Mathias Ungers und der Doppelturm der Deutschen Bank. Die Postmoderne hatte Einzug gehalten in der Frankfurter Architektur. Zum Glück nicht in ihrer krassen und billigen Spielart, die sich auf das Plündern des historischen Formenkanons beschränkte. Sondern in einer eleganten, eher abstrakten Form. Jetzt machte es auch dem Laien Spaß, sich die Hochhäuser anzuschauen. Ungers' Torhaus lud zu Vergleichen ein: der eine dachte an einen Toaster, der andere an eine Guillotine, der dritte an einen Zigarrenabschneider. Mit einem Wort - die Türme regten die Phantasie an, was immer ein gutes Zeichen ist. Das Doppel der Deutschen Bank erhielt sogar einen Spitznamen, mit denen die kühlen Frankfurter gegenüber ihren Gebäuden sonst geizen. "Soll und Haben" werden die Zwillinge mit dem vertrackten Grundriss genannt. Ihre Spiegelfassade, die sich mit den Lichtverhältnissen wandelt, hat manchen Architekturkritiker schon zu tiefsinnigen Betrachtungen verleitet.
Ein Anfang war also gemacht. Es fügte sich, dass zur gleichen Zeit auch die Römer-Ostzeile und das Museumsufer neu entstanden und die Alte Oper saniert wurde. Frankfurt erfand sich neu, und der Rest der Republik schaute, halb amüsiert, halb bewundernd, zu. Schon im Jahr 1985 war es dann so weit, dass der damalige Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) in einer Wahlkampfbroschüre zur "Ehrenrettung" der Hochhäuser auffordern konnte. "Ich glaube, mit mir stimmen viele darin überein, dass die Taunusanlage und die Gallusanlage mit ihrer modernen Hochhauskulisse heute einer der großartigsten öffentlichen Räume sind." Es dauerte dann noch einmal elf Jahre, bis 1996 das erste Wolkenkratzer-Festival gefeiert wurde. Der Erfolg war so groß, dass es nun nach 1998 und 2001 die vierte Auflage gibt.
In den 22 Jahren, die seit Wallmanns Äußerung vergangen sind, hat sich die von ihm gerühmte Kulisse stark verdichtet. Die Dresdner Bank hat sich mit dem Gallileo ein zweites Haus geschaffen, ganz in der Nähe ragt der Viertelkreis des Skyper auf. Gegenüber ist mit dem Japan Center ein besonders elegantes Hochhaus entstanden, dessen Popularität belegt, dass es nicht nur auf Höhe ankommt.
Aber natürlich spielt das Streben nach Rekorden auch eine Rolle - Hochhäuser entstehen nie zu hundert Prozent aus wirtschaftlichem Kalkül. Gewiss gibt es rationale Gründe für das Stapeln der Stockwerke. Die Ausnutzung des knappen Raums in der Innenstadt und die kurzen Wege zwischen den Büros beispielsweise. Doch die Lust der Bauherren am Auftrumpfen, am Überbieten spielt beim Wettlauf in die Höhe immer mit. Auch der Wunsch nach Prestige wurde in Frankfurt bedient. Erst hielt der Messeturm den europäischen Höhenrekord, später löste ihn der Commerzbank-Turm ab. Trieb das Bauwerk des englischen Stararchitekten Norman Foster in dieser Hinsicht einen Trend auf die Spitze, zeigte er gleichzeitig in doppelter Hinsicht einen Gesinnungswandel an. Der Commerzbank-Turm steht mit seiner Klimatechnik und mit seinen Gärten für einen ökologischen Bewusstseinswandel im Hochhausbau. Und er signalisierte den Abschied von der zeichenhaften Architektur, die mit dem Kronenhaus der DZ Bank ihren Höhepunkt erreicht hatte. Der 1999 fertig gestellte Maintower setzte den Trend zu einer Rückkehr zu einfacheren geometrischen Formen fort, indem er sich aus einem Quader und einem Zylinder zusammensetzt. Seine Popularität verdankt er nicht zuletzt auch seiner Zugänglichkeit. Was die Stadt in Verhandlungen mit Investoren immer wieder vergeblich gefordert hatte, hier wurde es endlich einmal erfüllt: Die Spitze des Maintower mit Restaurant und Aussichtsplattform ist für die Öffentlichkeit zugänglich - hier kann jeder jederzeit sein persönliches Wolkenkratzer-Festival begehen. Auch wenn es natürlich viel schöner ist, gemeinsam mit vielen anderen zu feiern, wie ansehnlich die Stadt in den vergangenen drei Jahrzehnten geworden ist. Nicht nur, aber auch, weil sie ihren Frieden mit den Hochhäusern machen konnte. Die Türme trägt sie stolz als Krone.
Autor: Matthias Alexander