Das Branchenbuch für Hessens Kulturlandschaft.
Finden Sie Künstler, Musiker, Theater, Förderpreise und vieles mehr…
Das Branchenbuch für Hessens Kulturlandschaft.
Finden Sie Künstler, Musiker, Theater, Förderpreise und vieles mehr…

Seit 1992 widmet sich das Museum für Sepulkralkultur in Kassel den Themen Sterben, Tod und Gedenken, feierlich vom damaligen Bundespräsident Richard von Weizsäcker eröffnet. Die Bezeichnung Sepulkralkultur kommt vom lateinischen "sepulcrum", zu deutsch: Grab oder Grabstätte.
Was am Anfang noch skeptisch beäugt wurde, ist inzwischen aus der Kasseler Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Jedes Jahr bietet das Haus die unterschiedlichsten Veranstaltungen an. Sie alle befassen sich mit den Themen Tod, Bestattung und Trauerkultur.
Die Dauerausstellung des Hauses zeigt auf rund 1.400 Quadratmetern unter anderem Särge und Leichenwagen, Trauerkleidung und -schmuck, Grabsteine oder Skulpturen. Sonderausstellungen und andere Veranstaltungen greifen historische und aktuelle Aspekte der Bestattungskultur auf. Außerdem gibt es eine Bibliothek und eine Grafiksammlung.
In einem Inzterview mit hr-online-Interview spricht Museumschef Reiner Sörries darüber, was am Tod schön ist und welchen Einfluss soziale Netzwerke auf den Umgang mit dem Sterben haben. Sörries ist Professor für Christliche Archäologie und Kunstgeschichte lehrt er an der Universität Erlangen, Buchautor und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal (AFD), dem Träger des Museums.
hr-online:
Herr Sörries, was ist am Tod so schön, dass er ein eigenes Museum verdient hat?
Reiner Sörries:
Es gibt zwei wesentliche Impulse in der Menschheitsgeschichte, die die Kultur immer weiter vorangebracht haben: der eine ist die Liebe, der andere ist der Tod. Beide bewegen die Kreativität der Menschen, weil es sich bei der Liebe und beim Tod um zwei absolut rätselhafte, unerklärliche Dinge handelt, wo auch die Naturwissenschaft die letzten Geheimnisse nicht lösen kann.
Deswegen hat der Tod ein eigenes Museum verdient und man möchte sich das Gleiche für die Liebe wünschen, der nur das Erotikmuseum in Berlin gewidmet ist, was aber nicht vergleichbar ist. Also, der Tod ist ein kulturgeschichtliches und kulturelles Thema, und das behandeln wir im Museum für Sepulkralkultur.
Gehen Sie durch Ihre Arbeit mit dem Thema entspannter mit dem eigenen Ableben um?
Mein Umgang mit meinem eigenen Tod hat sich nicht verändert, nein. Im Umgang mit Sterbefällen hat es mir geholfen, dass ich jetzt einfach mehr weiß. Ich weiß gut über Rechte und solche Dinge Bescheid und kann die Bestattung eines Menschen etwas kompetenter gestalten, als wenn ich nur auf die Mithilfe eines Bestatters oder Krankenhauses angewiesen wäre. Ein Ziel des Museum ist ja auch, dass wir darüber informieren.
Wie hat sich der Umgang mit dem Sterben in Deutschland verändert? Was konnte Ihr Haus dazu beitragen?
Naja, Deutschland hat 80 Millionen Einwohner, da hat unser kleines Museum sicherlich wenig bewirkt. Ich glaube, es ist eher umgekehrt. Weil sich in der Gesellschaft der Umgang mit Sterben und Tod verändert hat, gibt es unser Haus überhaupt. Das fing Mitte der 1980er Jahre mit dem Heimischwerden der Hospiz-Bewegung in Deutschland an. Das hat die Gesprächsbereitschaft in unserer Gesellschaft sehr stark gefördert. Erst in diesem Klima war das Museum – es wurde 1984 schon auf dem Papier gegründet - politisch durchsetzbar.
Welchen Einfluss haben digitale Friedhöfe oder Soziale Netzwerke wie Facebook?
Der Umgang mit Sterben, Tod und Trauer wird durch die digitale Welt genau so verändert wie unsere anderen Lebensbereiche auch. Das heißt: Sterben und Tod nehmen keine Sonderstellung ein. Zum einen können wir uns viel schneller informieren. Wir können uns schneller austauschen. Wir können Kondolenzkarten als E-Mail-Anhang verschicken. Es gibt virtuelle Friedhöfe und vieles mehr. Aber jedes neue Medium hat die Trauerkultur verändert. Nehmen Sie den Buchdruck: Er hat die Leichenpredigt hervorgebracht. Oder: Als die erste Tageszeitung im 18. Jahrhundert erschien, gab es sofort gedruckte Todesanzeigen. Dann die Fotografie und vieles mehr.
Fühlen sich die Menschen durch digitale Profile und Avatare unsterblicher?
Wir wollen ja alle etwas von uns festhalten. Das kann darin bestehen, dass wir zu Lebzeiten schon eine eigene Grabstätte auswählen, die zu uns passt, die unsere Identität über den Tod hinaus sichert. Wenn die HSV-Fans ihren eigenen Friedhof haben, wollen Sie ihre Identität als Fan über den Tod hinaus festhalten. Auch digitale Friedhöfe tragen dazu bei, Plastinate, und ähnliches.
Es gibt aber auch - unabhängig von digitalen Möglichkeiten - seit einiger Zeit eine Bewegung, die nach neuen Formen der Unsterblichkeit sucht. Es gibt zum einen ernst zu nehmende Bestrebungen, die wir unter dem Begriff "Transhumanismus" subsumieren. Das sind Wissenschaftler mit der Vision, eine so genannte innerweltliche Ewigkeit zu schaffen – ob in 50, 300 oder 500 Jahren. Deswegen lassen sich auch immer mehr Menschen einfrieren. Zum anderen gibt es die Esoterik, die weiß ganz genau, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.
Sehen Sie das kritisch?
Dass der Mensch über die Beschränkung seines Lebens hinaus denkt, das weckt ja kreative Kräfte. Das kann ich nicht negativ sehen. Als Christ glaube ich zwar an die Auferstehungs-Botschaft, nehme andere Bewegungen und Gesinnungen aber ernst. Was mich aufregt ist, wenn diese Dinge vermarktet werden. Gerade im esoterischen Bereich gibt es da unheimlich viel, zum Beispiel teure Seminare oder Ratgeber über Jenseits-Kontakte. So etwas ärgert mich.
Quelle: hr-online / Das Interview führte Sonja Fouraté, hr-online