Tanzhighlights

Auf der Bühne blasen sich bedächtig zwei riesige Skulpturen aus weißem Stoff auf – die Leinwand an der Rückwand zeigt einen fliegenden Kampfjet, der an eine japanische Libelle erinnert – ein Tänzer singt schmachtend „Can’t help falling in love“ von Elvis Presley – der Raum ist weiß – ein Darsteller spricht den Text eines Astrophysikers über die Krümmung des Lichts und erklärt die Einstein’sche Relativitätstheorie – acht unbewegliche Tänzer in schwarzen Roben erinnern an ein Gemälde, ein trompe-l'œil von Velázquez. Wir erleben die Premiere von „Revolver“, einem Stück von VA Wölfel’s Gruppe NEUER TANZ im Mousonturm in Frankfurt. Das Publikum ist gebannt, irritiert, verstört – eine Tür schlägt zu.
Ist das Tanz?

Der zeitgenössische Tanz ist mit seinen interdisziplinären Ansätzen eine der innovativsten Kunstformen, die sich längst nicht mehr auf die reine Bewegung und die Leistungsfähigkeit schöner, synchron agierender Körper beschränkt. Der zeitgenössische Tanz vermag es wortlos Geschichten zu erzählen und Fragen zu stellen, die ohne Sprachbarrieren auf der ganzen Welt verstanden werden. Diese Internationalität trägt dazu bei, dass wir bei Gastspielen in hessischen Theatern erfahren, sehen, fühlen und hören können, worüber die Künstler in anderen Kontinenten nachdenken, was sie bewegt, womit sie sich beschäftigen. Gleichwohl sind regionale Tanz- und Ballettgruppen gern gesehene Gäste auf internationalen Festivals. Sie sind Botschafter einer Gesellschaft, die sich selbstbewusst, zukunftsorientiert, liberal, experimentierfreudig und innovativ geben will.

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„Der Tanz wird in der Hochkultur zwar immer noch als „Dritte Sparte“ angesehen. Dennoch muss seine Förderung auf eine langfristige solide Basis gestellt sein, um all die kreativen Potentiale erhalten und neu mobilisieren zu können, die insbesondere in Hessen schon jetzt sichtbar sind.“

Auch die Förderung im Freien Theater – aus dem weltweit die wichtigsten Impulse kommen – ist noch unzureichend.

Hessen – insbesondere Frankfurt – war viele Jahre unübersehbarer Produktionsort auf der Weltkarte zeitgenössischen Tanzschaffens. Erinnerungen werden wach, als das Frankfurter Ballett noch nicht The Forsythe Company hieß und mit dem gleichen Choreographen weltweit Triumphe feierte und das S.O.A.P. Dance Theater – als Freie Gruppe – Maßstäbe setzte.

Einiges ging verloren, einiges konnte erhalten werden - aber vieles ist derzeit im Begriff, sich neu zu formieren und zu entwickeln. Hessen ist auf dem Weg seine Bedeutung als „Tanzland“ zurück zu gewinnen. Das ist gut so!

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Bei dem Projekt „Tanzplan vor Ort“– einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes – ist es gelungen im Wettbewerb mit vielen deutschen Großstädten die Höchstförderung nach Hessen zu holen. Überzeugt wurde die Jury von dem komplexen Konzept unter dem Titel „Tanzlabor 21“ und dem (erstaunlich übereinstimmenden) inhaltlichen und finanziellen Engagement durch den Hessischen Minister für Wissenschaft und Kunst und dem Kulturdezernenten der Stadt Frankfurt.
Zwei neue Studiengänge für Choreographie und Tanzpädagogik werden in Zusammenarbeit zwischen der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt und dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Giessen entstehen. Ein neues „Projekt-Ensemble“ wird am Mousonturm gegründet und ein regelmäßiges Profitraining steht den Tänzern der Region zu Verfügung. „Tanz in den Schulen“ soll ebenso wie ein Vermittlungsprogramm Kenntnisse und die Lust auf den zeitgenössischen Tanz fördern. In einem „artist in residence Programm“ werden internationale Choreographen zu Gast sein, ihre Stücke zeigen, über ihre Arbeitsweisen informieren und hoffentlich viele lokale Künstler motivieren, selbstbewusst und mutig eigene Kunstwerke zu schaffen. Ein biennal stattfindendes „Sommerlabor“ wird mit Gastspielen, Workshops, Vorträgen und Seminaren Tanz-Theorie und Praxis verbinden.

Neues muss geschaffen und Bestehendes ausgebaut werden.

Das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt ist nicht nur Gastspielort für viele internationale Künstler sondern mit seinen Proberäumen, Werkstätten und Studios auch eines der wichtigsten Produktionszentren für zeitgenössischen Tanz in Europa. Junge Künstler zu fördern und ihnen die notwendigen Freiräume zu verschaffen steht im Zentrum der experimentierfreudigen Arbeit.

Die Tanzklasse der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Ffm. (kurz: ZuKT) hat sich einen Spitzenplatz in dem Reigen der Ausbildungsstätten erarbeitet und bringt Studenten aus der ganzen Welt in die Stadt. Ein dichtes Netz von anerkannten Hochschulen dient als Kaderschmiede für den Nachwuchs und trägt dem interdisziplinären Anspruch im zeitgenössischen Tanz Rechnung. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang z.B. auch die Hochschule für Gestaltung in Offenbach, das Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt oder das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Giessen. Letzteres hat wie kaum ein anderes Institut erfolgreiche Künstler hervorgebracht, mit deren Namen sich heute große Häuser und viele Festivals schmücken.
Das konnte auch ein Journalist nicht verhindern, der das Institut als „Unglücksschmiede des Deutschen Theaters“ bezeichnet hat.

Vergessen werden dürfen an dieser Stelle auch nicht die vielen Freien Gruppen und die Ballett-Ensembles an den Hessischen Staatstheatern. Der Bühnen-Tanz hat – vom Konzepttanz, über das Ballett bis zum Volkstanz - viele Facetten und alle gilt es zu schützen, denn alle sind ein Stück unserer Kultur. So hat das klassische Tanzrepertoire in seiner ganzen Inszenierungsvielfalt immer wieder ein begeistertes Publikum. Für viele ist der Besuch eins Ballettprogramms in einem der Stadttheater der erste Kontakt mit Bühnentanz überhaupt. Auch lässt sich mit den komfortablen Möglichkeiten der städtischen Häuser vor Ort und in der Region künstlerische Arbeit und Entfaltung in ganz anderer Weise kontinuierlich und direkt verfolgen. Die Erfahrungen der verschiedenen Häusern zeigen: Es gibt für alle Formen ein ständig wachsendes, interessiertes und neugieriges Publikum in Hessen.

Zur Internetseite des  Mousonturms, des Staatstheaters Darmstadt , des  Staatstheaters Wiesbaden

Bilder: Barbara Aumüller (Staatstheater Darmstadt) , Georg Schreiber